Warum kämpfen wir, ohne gewinnen zu wollen?
Ein Einblick in die tiefere Bedeutung des Kung Fu-Trainings in der Klassischen Chinesischen Philosophie und Kampfkunst
Eine zentrale Frage unserer Zeit
“Wenn wir gar nicht gewinnen wollen, wieso kämpfen wir denn überhaupt?”
Diese Frage eines Schülers aus unserem Kung Fu-Unterricht bringt ein fundamentales Missverständnis unserer modernen Gesellschaft auf den Punkt. In einer Welt, die von “Entweder-Oder”-Denken geprägt ist, scheint die Idee des Kämpfens ohne Sieger paradox.
Doch genau hier liegt der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis – nicht nur des Kampftrainings, sondern des Lebens selbst.

Konflikte als Lebensnotwendigkeit verstehen
Konflikte sind nicht das Problem – sie sind überlebensnotwendig. Jeder Mensch gerät allein durch seine Existenz in natürliche Spannungen mit seiner Umwelt. Wenn es regnet und wir nass werden, entsteht ein “Konflikt”, der uns dazu bewegt, einen Regenschirm zu suchen oder Schutz zu finden.
Konflikte sind unsere Wahrnehmungsorgane für notwendige Veränderungen. Sie zeigen uns, in welche Richtung wir uns entwickeln müssen, um im Fluss des Lebens zu bleiben.
Kampf ist daher nicht das Gegenteil von Frieden, sondern eine Möglichkeit, Resonanz mit der Welt herzustellen – sofern er bewusst gestaltet wird. Im besten Fall erkennen wir im Konflikt die Richtung, in die sich unser System regulieren will. Das gilt für körperliche Prozesse ebenso wie für emotionale, soziale oder politische.
Kampfkunst als Lebenskunst
Im Zentrum unseres Verständnisses von Kung Fu steht daher eine Lebensphilosophie: Wir existieren nicht nur individuell, sondern immer auch in Beziehung. Jeder Versuch, einen Konflikt zu „gewinnen“, indem man das Gegenüber besiegt, ignoriert diese Beziehungsebene – und reduziert damit auch uns selbst.
Wirklicher Fortschritt entsteht nicht durch das Besiegen eines anderen Menschen, sondern durch gemeinsame Transformation. Wir kämpfen also nicht, um zu triumphieren, sondern um gemeinsam zu wachsen. Das verändert alles – von der Technik bis zur inneren Haltung.
Die Grenzen der endlosen Anpassung
Wir können uns natürlich nicht unendlich anpassen. Könnten wir uns so entwickeln, das Feuer nicht mehr heiß wäre oder Kugeln uns nicht verletzen könnten, würden wir unsere Identität, unser “Selbst” verlieren.
Es gibt immer Grenzen – und das ist gut so. Diese Grenzen geben uns Stabilität und Orientierung. Innerhalb unseres “konstitutionellen Rahmens” haben wir jedoch unzählige Anpassungs- und Regulierungsmöglichkeiten, sowie die Verantwortung das richtige Beziehungsverhältnis anzustreben.
Bedeutung unserer Philosophie für den „Kampf“
Um es nochmal zu betonen: Die Grundphilosophie unseres Ansatzes basiert auf dem Verständnis, dass wir alle Beziehungswesen sind. Nichts existiert isoliert für sich allein, oder aus sich selbst heraus – alles existiert nur durch und in Beziehungen.
Wenn ich in einem Konflikt den anderen “besiege”, schneide ich einen Teil meiner selbst ab. Denn auf einer tieferen Ebene sind wir nicht nur getrennt (als Individuen), sondern auch nicht-getrennt (durch die Nicht-Absolutheit jeder Trennung).
Praktische Konsequenzen in einem Kampf
- Beide Partner müssen sich entwickeln können
- Der “Gegner” wird zum Entwicklungspartner
- Sieg bedeutet gemeinsame Transformation, nicht Dominanz
- Verantwortung für beide Seiten wächst mit der Intensität des Konfliktes
Der Weg der Mitte: Maß statt Extreme am Beispiel Kung Fu
Wir trainieren weder Vollkontakt noch Leichtkontakt, sondern “Maßkontakt” – genau so intensiv, dass optimale Transformation möglich wird.
Extreme führen zu Stagnation, Maßhaftigkeit zu Fluss.
Diese Mitte ist nicht statisch, sondern dynamisch anpassungsfähig:
- Mal härter, wenn die Situation es erfordert
- Mal weicher, wenn Sensibilität gefragt ist
- Immer im Dienst der gemeinsamen Entwicklung
Sofortige Anwendbarkeit der richtigen Einstellung
Ein häufiger Einwand: “Das kann ich doch erst nach Jahren des Trainings!”
Falsch. Die Technik braucht Jahre – die richtige Einstellung können Sie sofort kultivieren. Von der ersten Trainingsstunde an können Sie die Philosophie des gemeinsamen Wachstums leben.
Diese Einstellung verändert bereits Ihre Ausstrahlung und damit jede Situation, in die Sie kommen.
Übertragung auf alle Lebensbereiche
Diese Prinzipien gelten immer. Nicht nur im Kampftraining:
Gesundheit
Zum Beispiel: Nicht alle Bakterien vernichten, sondern das richtige Verhältnis zu ihnen finden.
Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern die Fähigkeit der maßvollen, zeitrichtigen und beziehungsrichtigen Veränderung.
Krankheit ist nicht der Konflikt selbst, sondern die Stagnation in einem Konflikt.
Beziehungen
In Partnerschaften die Position des anderen einnehmen und verstehen lernen, statt nur die eigene Sicht durchzusetzen. Durch eine Balance aus individueller Stabilität und Offenheit, sich gegenseitig inspirieren und positiv transformieren.
Beruf, Gesellschaft und Alltag
Effizienz nicht quantitativ, sondern qualitativ verstehen – was dient wirklich meiner tieferen Absicht?
Konflikte sind selten einfach kausal, sondern alle Kausalitäten hängen von komplexen Bedingungen ab, die es zu verantworten gilt. Das Verstehen und ehrliche Annehmen dieser Bedingungen, führt zu Lösungen, die alle beteiligten Konfliktparteien in Transformation bringen.
Die drei Ebenen des Verstehens
- Philosophie: Das “Sowohl-als-auch” Weltbild (Konditionales Weltbild)
- Absicht: Gemeinsame Entwicklung, statt einseitiger Sieg
- Technik: Maßvolle, verantwortungsvolle Anwendung
Diese drei Ebenen bedingen sich gegenseitig und können von jeder Richtung aus erschlossen werden.
Fazit: Gewinnen durch gemeinsames Wachstum
Am Ende gewinnen wir doch – aber anders als gedacht. Wir gewinnen Erfahrung, Entwicklung, Beziehungsqualität. Und das Schöne: Die Partner gewinnen mit.
Diese Art des “Gewinnens” ist nachhaltig, erfüllend und führt zu echter Zufriedenheit – nicht nur in der Kampfkunst, sondern im Leben selbst.
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Dieser Artikel basiert auf einem Gespräch aus unserem Thammavong Podcast. Hören Sie die vollständige Diskussion für noch tiefere Einblicke in diese faszinierende Philosophie.